- Ruhe, Geborgenheit -
Räume erzählen ihre eigenen Geschichten

Heinz Behrends mit Architekt Manfred Weisser auf dem Weg durch Corvinus, Wiebrechtshausen, St.Martin und St. Sixti

Räume sprechen. Eine Bahnhofshalle hat eine andere Sprache als eine Kirche. Und ein Fachwerkhaus drückt ein anderes Lebensgefühl aus als ein 12-Familien-Haus aus den 60ziger Jahren. Wer weiß das mehr als ein Mensch, der Räume entwirft und Häuser baut, ein Architekt. Das muss doch reizvoll, einmal mit einem geschulten Auge eines Raumschaffenden durch unsere Kirchen zu gehen! Aus der Zahl unserer guten, anerkannten Architekten der Stadt nehme ich Kontakt mit Manfred Weisser auf. Er war beteiligt an der Konzeption der Neugestaltung der Passage in unserer Stadt, er hat Cafe Ahrens entworfen.

Licht, Klarheit, Natur

Er stimmt sofort zu, ich freue mich, wir fangen in Corvinus an. 60ziger Jahre, ein Stadtteil am Sultmer entwickelt sich, Menschen suchen eine neue Beheimatung, aus einer provisorischen Kirche soll ein Gotteshaus werden. Was für eine Aufgabe für einen Architekten, eine Kirche bauen. Manfred Weisser bedauert, dass seiner Generation das nicht mehr vergönnt ist. Sich an den alten Vorbildern der Kirche orientieren, im Westen der Turm, der Eingang, im Osten das Licht, das Zentrum des Raumes. Wohl fühlen müssen sich die Menschen, Geborgenheit empfinden im Raum. Und vor allem muss die Natur spürbar sein. Das Licht im Raum, die Werkstoffe sichtbar, die Konstruktion erkennbar. Schön, wenn man in der Kirche sitzt und die Natur draußen sieht. Martin Weisser hat seine Maßstäbe gesetzt.


Eine kommunikative Halle

Bilder der Corvinuskirche Ich bin gespannt, mit ihm in die Corvinus-Kirche zu treten. Der Eintretende kommt durch ein „Treppenhaus“ von der Seite in die Kirche. „Es ist schon schön, wenn man in eine Kirche kommt und sieht sofort den Mittelgang und den Altar“, meint mein kundiger Gesprächspartner. „Ja, die 60ziger hatten wohl andere Überlegungen.“ Der Blick nach vorne, ein Blick auf eine große Wand. „Schöner wäre schon, man könnte hier die Welt draußen dahinter sehen. Nun gut, der Architekt lässt das Licht von rechts durch drei Fenster einfallen. Gut, das Relief des Auferstandenen prägt die geschlossene Wand“ „Aber die Formen sind alle sehr starr, gerade Linien, besonders betont ist nur der Schalldeckel der Kanzel, geschwungene Formen.“ Ob der Architekt von Corvinus die Predigt als Zentrum hervorheben wollte? frage ich mich.

Im Seitenschiff die Taufe, Bänke ins Hauptschiff gerichtet. Eine Kirche, offensichtlich auf Kommunikation angelegt, 60ziger Jahre. „Der Sockel des Altars zeigt ja mit seinen Spuren, dass er aus Beton gegossen ist,“ sag ich. „Den Werkstoff zeigen, das hat durchaus Tradition. Corbussier in Rochamp zB.“ Wir merken bald, es hat Folgen, dass wir unsere Rundreise durch unsere Kirchen in einer Neubaukirche angefangen haben.




Wir fahren nach Wiebrechtshausen.

Eine feste Burg

Schon auf das Gelände des Gutes zu fahren, ist ein Genuss, der schöne romanische Torbogen der Klosterkirche, einladend, der kleine Nartex vor der Eingangstür, Schutzraum für den ankommenden Pilger schon im Mittelalter.

Wir treten ein. „Vollkommen.“ Das Licht des Nachmittags fällt von rechts durch die kleinen rundbogigen Fenster. Der Raum ist hell. Große Massen an Stein, der Erbauer wollte sicher gehen. „Ja, damals gab es ja keine Architekten, es gab die Baumeister, die hatten viel Ahnung und viel Erfahrung.“ Der Baumeister von Wiebrechtshausen war ein Mann der Romanik. Er ging ganz sicher, viel Masse, starke Säulen für eine Kirche, Stützenwechsel. „Ein feste Burg ist unser Gott.“

Wenn man hineinkommt, sieht man auf eine Säule, von der zwei Bögen rechts und links sich schwingen. Der Blick auf das Zentrum wird erst freigegeben, wenn man rechts oder links an ihr vorbeigeht. So entsteht ein geschlossenes Raumgefühl. „Wär nicht schlecht, wenn man beim Eintreten unmittelbar auf den Altar sehen könnte.“ Ein vollkommener Raum wie er heute nicht mehr zu schaffen ist, offensichtlich. Die Bögen, die Geborgenheit, die Leichtigkeit trotz der Massen an Stein. „Die Kanzel da vorne, sage ich, die ist aus den 70zigern. Die möchte ich gerne weg haben, die Klosterkammer hat schon zugestimmt,“ sage ich. „Ja, gehört dort nicht hin, sie stört das geschlossene Raumempfinden.“ Ich zeige meinem Begleiter noch die werdende Gebetsecke im Südschiff. Wiebrechtshausen soll wieder ein anziehender Ort des Gebetes werden.




Wundervolle Dorfkirche

Na, nach diesen beiden gegensätzlichen Kirchen, gebaut aus völlig unterschiedlichen Lebensgefühlen und Zeiten, bin ich gespannt, was das kundige Architekten-Auge zur Martins-Kirche in Langenholtensen sagen wird.

Die Tür ist geöffnet, die Küsterin bereitet bei warmer Sonne und angenehmem frischen Wind den Raum gerade für den Schulanfänger-Gottesdienst vor. Wir treten ein. „Eine wundervolle Kirche.“ Ich bin überrascht und fange an, den Raum mit den Augen des Architekten zu sehen. „Da vorne, der schöne bergende Chor-Raum, die runden Linien, das Licht, alles ausgerichtet auf das Zentrum.“ Ich erzähle ihm, mit wieviel Engagement die Gemeinde den Himmel an der Decke wieder freigelegt hat. „Verstehe ich gut“, sagt Martin Weisser. Schön in der Kirche zu sehen, was in der Renovierung noch nicht geschafft ist und noch werden kann. Die freigelegten Ornamente in den Fensternischen im Chor haben es ihm angetan. „Die würde ich alle freilegen, und dann Fensterglas in die Chorraum-Fenster wie in den Seiten. Sie lassen das natürliche Licht durch.“ Die bunten Fenster im Chor empfindet er mehr als einen Versuch von Kunst. Ich erinnere mich an seine Maßstäbe, die er mir nannte, als wir uns auf den Weg machten. Die Natur. Und er lehrt mich, die Empore neu zu sehen. Emporen habe ich immer nur in ihrer Funktion gesehen. Sie sollen vielen Menschen Platz zum Sitzen geben, viel Holz, die die Konstruktion des Raumes verdeckt. Aber in Langenholtensen hat sie etwas bergendes. Ich erzähle ihm noch von den Mühen, die richtige Farbe für die Bänke zu finden. Er sieht sofort, dass man sich an den Decken- und Emporenbalken orientiert hat.




Vollendet

Nun bin erst recht gespannt, was mein Begleiter zu St. Sixti sagen wird. Ich selber lebe ja oft in diesem Raum, sitze dort manches Mal Sonntag morgens um fünf und bereite mich auf meine Predigt vor, vorne im Altarraum, volle Konzentration, Morgenlicht.

Für die von der Heizung geschwärzten Seitenwände schäme ich mich manches Mal.

Das müsste hier alles ganz hell sein, wünsche ich mir. Aber ich merke schon beim Hereinkommen, dass mein Architekt eine persönliche Beziehung zu diesem Raum hat. Er hat mir schon erzählt, dass er hier manches Konzert genossen hat, Gottesdienste und die Taufe in der Familie. „Vollendet!“ Ja, was ein Architekt ist, der findet den gotischen Hallenbau einfach unüberbietbar. „Alles stilrein hier, sagt er, unverbaut, so wie damals gedacht.“ Die Säulen, man sieht, was das Gebäude trägt, das Tragende ist sichtbar gemacht. Klare Strukturen und Linien, rund, bergend. Dreischiffig. Klar in den Zahlen. „Sehen Sie, wie die Kanzel sich einfügt in den Raum.“ Unaufdringlich, das stimmt, obwohl die gotischen Kirchen nicht als Predigtkirchen gebaut wurden. „Der Flügelaltar da vorne, alles geordnet, ausgerichtet, durchdacht.“ Ja, der Altar, das Zentrum. Man kommt herein und der Blick fällt sofort auf den Altar, Christus und Maria, dazu die Menschen, die ihn bezeugt haben, die ihr Leben eingesetzt haben. Wir lassen unseren Blick wandern, ich erzähle von unserem großen Plan, wenn der Turm restauriert ist: die Innen-Renovierung. „Ich möchte gerne die Empore an der Seite rausnehmen, sage ich, dann würde die Struktur der Kirche noch eindeutiger sein. Man kann sie ja auch erst später eingebaut. „Protestantische Kirchen können auch sehr autoritär sein. Nach dem Motto: Setz dich hin und nun hör der Predigt zu,“ sage ich. „Ja, die Seiten-Empore könnte raus und die Rippen-Heizung auch“, meint das Raum-Empfinden des Architekten.




Wir schließen unsere kleine Reise durch unsere vier Kirchen und sind ganz zufrieden und erfüllt. Sprechende Räume, Predigt in Stein. Orientierung, aufbauendes Licht, klare Ordnung, Geborgenheit, Begegnung.